PROLOG

Hallo. Mein Name ist Steffan Schulz. Ich bin ein ganz normaler 16-jähriger Junge. Zumindest dachte ich das, bis...
Hörst du das?
Nein?
Da war doch was...
Verarscht. Das sollte bloß die Dramatik steigern.
Also, lest einfach meine wahre Geschichte (okay ich gebe zu ich habe einige Stellen etwas verändert), und wenn nicht, dann ist es definitiv besser für euch.


KAPITEL 1: Beschissene Anfänge

Alles fing an einem stinknormalen Montag an. Ich war am Tag zuvor mal wieder viel zu spät ins Bett gegangen, und so war ich entsprechend müde. Also, mein Wecker klingelte. Ich, schlaftrunken wie ich war, tastete eine Weile blind in der Gegend rum bis ich das Scheißding endlich zu fassen bekam, dann warf ich es in hohem Bogen gegen die Wand.

Das hatte ich zumindest vor. Aber irgendwie klang das Aufprallgeräusch viel weiter weg... Ich hob den Kopf und sah, dass meine Tür offen stand, warum auch immer. Ich schlurfte zum Treppengeländer und sah das Unvermeidliche: Mein Wecker lag total kaputt und verteilt auf einige Treppenstufen und den Fußboden im Erdgeschoss, daneben stand meine Mutter und sah mich vorwurfsvoll an. Da ich keinen Bock auf lange Konversationen hatte, sagte ich irgendwas von wegen „Selber schuld wenn du meine Tür aufmachst“ und begab mich zurück in mein Zimmer. Der Tag fing ja toll an.

Nachdem ich geduscht hatte, setzte ich mich, immer noch müde, an den Tisch und begann meine Cornflakes zu löffeln. Keine Ahnung wo meine Eltern auf einmal hin waren, nein, moment, mein Vater war ja schon arbeiten, und meine Mutter war wahrscheinlich irgendwo draußen. Egal.

Als ich mich gerade für die Schule fertig machen wollte, klingelte das Telefon. Ich dachte nur „fuck you“, dann ging ich aber trotzem hin und nahm den Hörer ab.

„Ja?“

„Ichbndrflb!“

Auch wenn ich nichts verstanden hatte, das konnte nur Philipp sein. Wer meldet sich sonst so.

„Oh, hi! Was ist denn?“

„Ich bin total erkältet, ich kann heute nicht zur Schule kommen.“

Na toll.

„Ok, dann mal gute Besserung. Soll ich dir gleich die Hausaufgaben vorbeibringen?“

In dem Moment, in dem ich die Frage gestellt hatte, bereute ich es auch schon wieder. Zusätzliche Arbeit konnte ich doch wirklich nicht brauchen, auch wenn es selbstverständlich war, das zu machen. Naja, jetzt war es ja sowieso schon zu spät.

„Ja, das wäre nett!“

War ja klar. Als ob er nicht genau wüsste, dass... naja, auch egal. Er konnte ja nichts für meine schlechte Laune. Also verabschiedete ich mich, zog mir meine Schuhe an, wuchtete mir die – mal wieder viel zu schwere – Tasche auf den Rücken, zerrte mein Fahrrad zwischen denen meiner Eltern hervor und fuhr los. Als ich so etwa die Hälfte des Weges erreicht hatte, fiel mir auf, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte. Aber drauf geschissen, mein Fahrrad ist so ein Schrotthaufen, das klaut keiner. Und zuhause war ja meine Mutter, die würde mir aufmachen.

Ich bog in den Asternweg ein und... was war das? Beziehungsweise, was war das NICHT? Diese Frage konnte ich problemlos beantworten: Die Sporthalle. Die war nämlich definitiv kein schätzungsweise zwanzig Meter tiefes Loch, das sich da befindet, wo sonst eben die Halle war. Leicht verwundert rollte ich an den Rand des Loches, und was ich da sah, verschlug mir den Atem.


KAPITEL 2: Das Loch

Ich sah nämlich Gas. Und dieses Gas stank so ekelhaft, dass es mir den Atem verschlug. Es roch nach Schwefel, aber irgendwie konnte das ja nicht sein.

Als ich näher hinsah, bemerkte ich einige Personen in dem Loch. Waren die denn, bekloppt? Die konnte doch nicht einfach in ein Loch voller giftiger Dämpfe klettern! „Hey!“ rief ich. „Was ist hier los? Wo ist die Sporthalle??“

Einer der Leute sah zu mir hoch. Ich traute meinen Augen nicht: Es war Lukes Spanier! Der Typ, der vor ihm so Angst hatte! Aber ich überlegte gar nicht erst, wie der hierhergekommen war. Irgendwie war heute alles komisch.

„Ööh“ war alles was der Kerl rausbrachte, dann verschwand er wieder in die Mitte des Loches und ich konnte ihn nicht mehr sehen. Ich entschloss mich, herunterzuklettern, anscheinend waren diese Dämpfe ja doch nicht giftig. Aber wie sollte ich das machen? Das Loch war schließlich ungefähr doppelt so tief wie unser Haus hoch war! Ich lief erstmal drumherum. Auf einmal bemerkte ich eine lange Leiter, die an den Rand der Grube gelehnt war. Okay, dachte ich, los gehts.

Ich trat auf die erste Sprosse, und es kam, wie es kommen musste. Das blöde Stück Holz kippte um, und ich hing mit dem Fuß drin. Super.

Ich hatte kaum Zeit, nachzudenken, aber da die Leiter ziemlich langsam umfiel, kletterte ich ein paar Sprossen nach unten. Je niedriger die Fallhöhe, desto niedriger die Wahrscheinlichkeit dass ich meine Cornflakes bald unter der Erde zusammensuchen konnte.

Ich war schon fast am unteren Ende der Leiter angekommen, als mir etwas auffiel. Die Leiter konnte doch eigentlich gar nicht so langsam fallen! Ich hatte schließlich eine halbe Minute gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich war. Ich sah nach unte und mir wurde alles klar. Die Leiter steckte im Boden. Sie hatte sich nur gebogen und war ger nicht umgefallen!

Ich wollte gerade aufatmen, da brach die Leiter auf einmal direkt unter mir auseinander. Schreiend fiel ich die restlichen fünf oder sechs Meter nach unten.

Plaff.

Plaff?

Komisches Geräusch. Zerspringende Knochen machten doch nicht „plaff“!

Auf einmal sah ich, dass ich auf einem Stapel Matratzen lag. Ich sah mich um und merkte, dass ich mich, obwohl sie doch weg war, in der Sporthalle befand! Offenbar war diese abgesackt.

Direkt neben mir war ein großer Lavasee. Das kam mir nicht seltsam vor, vielmehr erklärte es die Situation. Anscheinend hatte es eine Art Erdbeben gegeben, durch das die Sporthalle abgesackt war. Durch die Verschiebung des Untergrundes war ein wenig Lava nach oben gekommen und machte sich jetzt am Hallenboden zu schaffen. Das war zwar merkwürdig, aber wenigstens hatte ich eine Erklärung für diese komischen Ereignisse.

Auf einmal öffnete sich eines der Tore, hinter denen sich die Geräte befanden, und wer herauskam, war niemand anders als...


KAPITEL 3: Vollkornbrot

Nein, es war nicht Lukes Spanier. Es war der Hustinettenbär!

Okay, jetzt werden wahrscheinlich 90% aller Leute aufhören zu lesen. Aber, ich schwöre, da war der Hustinettenbär, so abstrakt die Vorstellung auch war, er stand direkt vor mir.

Ungläubig sah ich ihn an.

"Du hier?"

Der Hustinettenbär nickte.

"Aber woher wusstest du -"

"Es war vorherbestimmt. Dies ist der Platz! Dies ist die Zeit!"

Langsam wurde der große grüne Typ mir unheimlich.

"Was wurde vorherbestimmt? Dass auf einmal eine stinknormale Sporthalle im Erdboden versinkt, ich in dieses Loch hier falle und von einem übergroßen Bettvorleger mit mysteriösen Andeutungen belabert werde? Langsam habe ich keinen Bock mehr auf die Scheiße die ihr hier abzieht! Mein Tag hat sowieso schon scheiße angefangen, und jetzt sitz ich hier auch noch bei euch fest, ich könnte -"

"Hey, mach mal halblang!"

Das war jetzt schon das zweite Mal dass der Hustinettenbär mich unterbrach. Der Typ ging mir echt auf den Sack.

"Dir scheint nicht klar zu sein", sagte er, "in was du hier hereingerutscht -"

"Gefallen bitte!"

"Okay, dann eben gefallen bist. Das hier ist nicht einfach irgendeine Sporthalle!"

"Das stimmt, es ist nämlich die Sporthalle die normalerweise direkt neben meiner Schule steht, in der - ich hätte niemals gedacht, dass ich diesen Satz einmal sagen würde - ich jetzt hundertmal lieber wäre als hier!"

"Du begreifst es nicht, oder?"

"Vielleicht", entgegnete ich genervt, "würde ich es begreifen, wenn du mir schlicht und einfach erklärst, was hier los ist!"

Der Hustinettenbär seufzte. "Das versuche ich ja die ganze Zeit, aber du unterbrichst mich ja dauernd."

Verdutzt sah ich ihn an. Aber irgendwie hatte er sogar Recht.

"Tut mir Leid. Also, worum geht es hier?"

"Das hier ist eine verdammt blöde Situation. Diese Sporthalle ist sowas ähnliches wie ein Tor."

Er sah so aus als wollte er weiterreden, hätte aber nicht die Kraft dazu. So ergriff ich das Wort.

"Was denn für ein Tor?"

Er sah mich an. Ich konnte den Blick nicht deuten, der in seinen Augen aufkam.

"Ein Tor zur Hölle."

Das war zu viel. Ich konnte mich nicht mehr halten. Ich lachte laut los. Ein Tor zur Hölle, das war doch echt mal geil. Unglaublich, wie ernst der dabei bleiben konnte!

"Ein Tor zur Hölle! Der war gut, Junge! Aber mich legst du nicht rein!"

Er sah mich ernst an. Langsam stieg Verzweiflung in sein Gesicht.

"Das ist kein Scherz, Steffan!"

Also wenn er mich wirklich nur verarschen wollte, dann tat er das verdammt gut.

"Wir sind eine Geheimorganisation, die verhindern will, dass die Höllentore sich öffnen. Seit Jahrzehnten schon leben wir im Untergrund in völliger Isolation und tun alles nur erdenkliche um das zu verhindern, was nun doch eingetreten ist. Wir sind die V.O.L.L.K.O.R.N.B.R.O.T.!"

Vollkornbrot? Das kannte ich doch! Das war der Running Gag aus Irland! War das Zufall? Allerdings hatte der Hustinettenbär ja etwas von Vorbestimmung oder so gesagt.

"Vollkornbrot? Warum denn ausgerechnet der Name?"

"Das ist eine Abkürzung. Es steht für
Verborgene
Organisation der
Lahmleger von
Lucifers
Katakomben
Ohne
Relevante
Nennung
Bei der
Russischen
Organisations-
Tabelle."

"Russische Organisationstabelle? Was ist das denn?"

"Du wirst mir doch wohl nicht erzählen wollen dass du noch nie was von der R.O.T. gehört hast?"

Ich schüttelte den Kopf. Mit Russland kannte ich mich nicht aus.

"Die Russische Organisationstabelle ist eine Liste mit fast allen Geheimorganisationen der Welt. Allerdings kommt sie nicht aus Russland, sie heißt nur so weil sie in brauner, großer Schrift geschrieben ist, also so aussieht wie Russisch Brot."

Das kam mir irgendwie komisch vor.

"Aber wenn eine Geheimorganisation auf so einer Liste steht, ist sie doch nicht mehr geheim!"

"Aber nahezu. Die Liste kann nur der Großwesirfurunkel von Schlurf lesen."

Der Großwas? Wer war das jetzt schon wieder? Aber ich entschied mich lieber, gar nicht erst zu fragen. Irgendwie war ich hier in eine fremde Welt reingerutscht, äh, gefallen.

"Und ihr steht da nicht drin?"

"Nein. Deswegen ja auch der Name. Wir sind so geheim, dass noch nicht mal der Großwesirfurunkel von uns weiß."

Er erschien mir jetzt schon fast ein bisschen stolz.

"Ach so" sagte ich, obwohl ich von dieser ganzen Informationsflut nicht mal die Hälfte verstanden hatte.

"Und was hab ich mit der ganzen Sache zu tun?"

Der Hustinettenbär sah mich wieder ernst an.

"Du bist die Hauptperson in diesem Abenteuer, Steffan Schulz."

Er machte eine Kunstpause, die mir schon fast ein bisschen zu lang erschien.

"Du", begann er nach etwa zehn Sekunden wieder, "bist der Messias."


KAPITEL 4: Die Prophezeiung

Ich sah ihn verdutzt an.

"Du musst dich irren, ich bin bestimmt nicht der Messias. Was soll an mir denn so messiasig sein?"

"Hast du nie etwas erlebt, was du dir nicht erklären konntest? Irgendwas was dich an deinem Verstand zweifeln ließ?"

Ich dachte nach, aber mal abgesehen von Salamipizza fiel mir nichts ein, und das sagte ich ihm dann auch.

"Erinnerst du dich nicht mehr an die Geschichte im Zoo? Mit der Schlange?"

Ich schüttelte ratlos den Kopf.

"Du hast dich mit ihr unterhalten und das Glas verschwinden -"

Jetzt kam ich mir langsam verarscht vor. Der hielt mich doch nicht ernsthaft für...

"Ähm, kann es sein dass du mich mit einer Person namens Harry Potter verwechselst?"

Der Hustinettenbär blickte mich erschrocken an. Dann verschwand er hastig in dem Tor, aus dem er herausgekommen war. Ich hörte ihn etwas brüllen, konnte aber nichts verstehen. Dann kam er wutentbrannt wieder heraus.

"Du hast Recht" sagte er. "Diese Stümper haben doch tatsächlich den Falschen geholt!" Wütend stampfte er auf.

"Ähm, heißt das, äh... kann ich jetzt gehen?"

Besorgt sah der Hustinettenbär mich an.

"Es tut uns allen sehr leid, aber das geht nicht mehr. Die Prophezeiung besagt, dass hier einer hereinfallen wird, der die Welt von allem Übel befreien wird. Und das wirst dann wohl du sein!"

Ich brauchte einige Augenblicke, um zu verstehen, was er gesagt hatte.

"So, ich kann also nicht mehr gehen. Was soll ich machen? Ich hab keine Superkräfte oder so!

Eure Prophezeiung irrt sich definitiv" sagte ich.

"Aber die Prophezeiung irrt sich nie!"

"Hört mir mal zu, ich scheiß auf eure Prophezeiung, ich will einfach nur hier raus also holt mir ne Leiter und verpisst euch, kapiert ihr es denn nicht? Ich bin nicht der den ihr wollt! Ich hab einfach keinen Bock mehr hier mit euch rumzuhocken und mir irgendwelchen Scheiß vertrichtern zu lassen! Ich -"

"Okay, okay, ich kann verstehen dass du sauer bist."

"Ach, du kannst es verstehen? Na toll, und inwiefern hilft mir das weiter?"

Der Hustinettenbär schwieg.

"Du hast doch selber gesagt", sagte ich, schon wieder etwas leiser, "dass ihr euch geirrt habt! Da kannst du doch jetzt nicht behaupten dass ich eure Rettung bin!"

Er sah mich an.

"Du versthst das nicht, ich würde dich wirklich gerne gehen lassen, ich kann dir eine Leiter geben, versuch es nur..."

Gesagt, getan. Er lehnte die Leiter an die Hallenwand und ich stieg auf die erste Sprosse.
"Auf Nimmerwiedersehen! Ich hau ab, das ist mir zu blöd hier!"

Mit diesen Worten stieg ich zuversichtlich nach oben. Es dauerte lange, länger als ich gedacht hätte, aber ich kletterte einfach weiter, ohne nach unten zu schauen. Ich wollte diesen Idioten nicht mehr sehen.

Ich sah aus Interesse auf die Uhr, und ich bekam einen Schreck. Ich war schon zehn Minuten geklettert! Ich sah nach oben, aber der Rand des Loches war immer noch wit über mir.

"Na, glaubst du mir jetzt?", fragte eine Stimme hinter mir. War der Hustinettenbär mir gefolgt? Ich sah mich um und war geschockt.

Ich war keinen Meter nach oben gekommen. Um genau zu sein:
Ich stand immer noch auf der ersten Sprosse.


KAPITEL 5: Wo ist Pedro?

Das konnte doch nicht sein?? Ich war doch zehn Minuten geklettert, und ich hatte nicht nur die zwanzig Meter nicht geschafft, sondern hatte mich noch nicht mal BEWEGT?

"Tja, ich hatte es dir ja gesagt", seufzte der Hustinettenbär. "Du musst wohl oder übel..."

"Was? Was muss ich tun?" Der Kerl redete ja dauernd davon, aber ich hatte keine Ahnung wie diese Aufgabe aussehen würde.

Er schwieg einen Moment, dann sagte er: "Komm mit ins Kontrollzentrum, Pedro wird es dir erklären."

Pedro? Och nöö, langsam reichte es mir aber. Schön und gut, es war eine Sache, die Welt zu retten, aber... Naja, vielleicht hatte ich ihn ja nur falsch verstanden.

"Meinst du etwa Maximi..." - "Nein, der doch nicht. Ich meine Pedro. Pedro aus Lima. Erinnerst du dich?

Ja, ich erinnerte mich sehr gut. Pedro aus Lima war die Hauptperson eines Herrkieselerdkundearbeitsblatts gewesen. Aber gab es ihn wirklich? Die Frage stellte ich auch dem Hustinettenbär.

"Klar gibts den! So, und jetzt komm, wir müssen in den Geräteraum."

Ich folgte ihm dort hinein, aber es sah immer noch aus wie der Geräteraum unserer Sporthalle. Und von Pedro aus Lima sah ich auch nichts.

"Äh, bist du sicher, dass..." - "Ich werde ja wohl wissen wo wir lang müssen. So, hilf mir mal, die Tischtennisplatten wegzuräumen."

Gesagt, getan. Als wir die hochkant aufgestellten Platten einige Meter weggeschoben hatten, sah ich einen rechteckigen Umriss in der Wand. Der Hustinettenbär drückte dagegen und die Tür schob sich ein paar Zentimeter nach hinten und glitt dann zur Seite weg.
Hinter der Öffnung war ein ziemlich großer Raum, etwa so groß wie das PZ der Schule. Darin befanden sich viele seltsame Geräte, die ich noch nie gesehen hatte, ber auch normale Computer, Bildschirme und sogar eine Spülmaschine.
Was die da sollte, wollte ich lieber gar nicht wissen. Ich erkundigte mich stattdessen, wo Pedro denn sei. Der Hustinettenbär gab zu, dass er es auch nicht wusste.

"Pedro ist manchmal etwas abwesend." Er lachte über sein unglaublich lustiges Wortspiel. "Ich ruf ihn mal an."

Ich wollte gerade fragen, womit denn, da griff er in sein rechtes Ohr und holte ein Handy hervor, das genauso aussah wie eine Telefonzelle, bloß kleiner natürlich. Er tippte eine Nummer ein und wartete einige Sekunden. Dann schien sich jemand gemeldet zu haben, denn der Hustinettenbär schrie auf einmal wie ein Verrückter in den Hörer.

"Pedro, du Vollidiot! Wo bist du schon wieder? Hier geht alles drunter und drüber! Deine Kollegen haben uns den Falschen gehört, der kann jetzt nicht mehr raus, die Welt geht bald unter und wo bist du? Wahrscheinlich sitzt du zuhause vor der Glotze und siehst dir irgendwelche dämlichen Datingshows an, genau wie letztes Mal! Wer weiß ob wir es nochmal hinkriegen! Aber dich scheint das ja alles ziemlich wenig zu interessieren! Ich würde dich entlassen wenn wir dich nicht bräuchten, du verdammter..." Er verstummte. Wahrscheinlich hatte Pedro laut "Ruhe!" geschrien.
Nach einigen Minuten voller Argumentationen legte der Hustinettenbär auf.

"Wie ichs mir gedacht hab. Er sitzt zuhause vor dem Computer und schreibt hirnrissige Geschichten. Irgendwas mit Weltretten oder so. Ich frag mich wer sowas liest..."

"Und was machen wir jetzt?"

"Er wird so schnell kommen wie es geht. Während wir warten werde ich dir einfach mal ein bisschen was über mich erzählen. Das könnte dir weiterhelfen."

Ich war ehrlich gesagt wenig angetan von diesem Vorschlag. Zuviele Leute hatten mir schon ihre halbe Lebensgeschichte erzählt. Aber andererseits, ich hatte ja nichts besseres zu tun.

"Okay, fang an."


KAPITEL 6: Die Geschichte des Hustinettenbären

"Ich wurde geboren, da war an euch Menschen noch gar nicht zu denken, und die Erde war gerade mal ein paar Millionen Jahre alt. Es gab eigentlich nur Berge, Lava und Luft. Naja, und natürlich Sprockhövel."

Was?

"Was?"

"Ach, das wusstest du gar nicht?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Sprockhövel ist nicht bloß eine Stadt. Vor langer Zeit, vor vier Milliarden Jahren genauer gesagt, entstand dort, wo heute die Stadt Sprockhövel liegt, niemand anderes als Satan."

"Moment mal, es wird doch behauptet, Satan wäre ein gefallener..."

"Engel, meinst du? So ein Schwachsinn. Satan war schon viel länger da. Wobei ich damit nicht bestreiten will, dass es viele Engel auch schon so lange gibt."

"Aber es gibt doch gar keine Engel!"

"Ja was denn nu? Zuerst bezeichnest du Satan als gefallenen Engel, dann behauptest du, es gäbe gar keine. Kannst du dich vielleicht mal entscheiden?"

Ich fühlte mich in diesem Augenblick ziemlich dämlich. "Ach, egal. Erzähl weiter", sagte ich.

"Also, wie gesagt, Satan wurde in Sprockhövel geboren, ungefähr zur selben Zeit wie ich. Wir waren sogar zusammen im Kindergarten und auf der Grundschule, dann allerdings..."

"Kindergarten? Grundschule? Aber es gab doch noch gar keine Menschen!"

"Wer sagt denn, dass nur Menschen in die Schule gehen? Auch ein Höllenfürst kriegt den Satz von Pythagoras und die chemischen Grundgesetze nicht in die Wiege gelegt! Jedenfalls, nach der Grundschule ging er aufs Gymnasium, ich dagegen entschied mich für das Gymaugium".

Ich runzelte die Stirn, wollte ihn aber nicht schon wieder unterbrechen.

"Wir verloren uns für eine Weile aus den Augen, um genau zu sein 3 Milliarden, 999 Millionen und etwa 995 000 Jahre. Dann trafen wir uns wieder. Die Erde war inzwischen der heutigen sehr ähnlich, und die Vorfahren der heutigen Menschen bauten schon Kulturen auf und so weiter. Wir begegneten uns an einem Vulkan. Ich wollte wissenschaftliche Studien betreiben -" (Na sicher.) "- und Satan machte einen kleinen Spaziergang vor der Haustür. Das ganze lief etwa so ab:

'Moment mal, das ist doch... Satan, bist du das?'

'Hustinettenbär?!'

'Ja, ich bins! Was machst du denn so?'

'Och, ich hab mir unter der Erdoberfläche eine kleine Existenz aufgebaut. Und du?'

'Ich sitze gerade an der Entwicklung eines fruchtigen, jedoch synthetischen Genussmittels.'

'Du warst schon immer so verrückt!'

'Ach, von sowas verstehst du doch nichts. Sag mal, hast du schon von diesem Verrückten gehört, der die Erde kaufen will?'

'Nö. Wer kommt denn auf solche Ideen?'

'Irgend so einer aus dem Himmel. Mal wieder typisch, diese Bonzen können nie genug kriegen. Erst ein Baum, dann ein Berg, ein Land - und jetzt die ganze Erde!'

'Wie heißt der Kerl denn?'

'Er nennt sich Gott, wenn ich das richtig verstanden habe. Vielleich war es aber auch Pott... oder Schrott, das würde auch ganz gut passen.'

Wir unterhielten uns noch eine Weile und nahmen uns dann vor, zu der Rede zu erscheinen, die Gott halten wollte. Vielleicht gab es da was zu lachen, und ich hatte schon lange nicht mehr mit fauligem Obst auf unsympathische Personen geworfen. Naja, etwa einen Monat vor dem Tag dieser Rede hingen überall Plakate mit der Aufschrift 'Ihr gehört bald Gott. Seht euch an, was auf euch zukommt!' Ich konnte nicht herausfinden, ob das offiziell war, oder eine Anti-Gott-Kampagne. Ich tippte allerdings auf ersteres, denn Gott war schon blöd genug, um solche Plakate zu verteilen.
Die Rede war ziemlich merkwürdig, eigentlich machte er einen ganz sympathischen Eindruck, allerdings auch vollkommen verrückt. Er laberte irgendwas von Chaos und dass er die Welt in angemessene Bahnen lenken wollte. Das ganze hatte schon was diktatorisches an sich. Ich fragte mich übrigens, von wem er die Erde kaufen wollte, schließlich gehörte sie ja niemandem. Auch den Rest seiner Geschichte fand ich sehr fragwürdig. Satan dachte genauso, und scherzhaft schlug er Gott vor, er sollte doch einfach alle ausrotten, dann könnte er nochmal ganz von vorne anfangen. Schließlich könnte er dann alles nach seinen Vorstellungen gestalten. Eigentlich wollte er Gott damit nur ärgern, aber das ging gründlich in die Hose.

Gott fand das nämlich gar nicht so schlecht. Er überlegte eine Weile, dann sagte er: 'Der Herr in rot mit den großen Hörnern hat mich auf eine tolle Idee gebracht! Wie er schon vorschlug, werde ich die gesamte Bevölkerrrong, alle Tierrre ond Pflanzen, Berge, Täla ond so waita von diesem Planeten entfernen, dann kann äch maine Vorstellongen perfekt omsetzen! Danke för diese tolle Ädee!' (Hier verfiel er auf einmal in den Redestil eines genauso Verrückten)

Das gesamte Publikum, etwa tausend Leute, blickte wütend zu Satan und mir herüber. 'Da hast du uns ja was tolles eingebrockt', flüsterte ich ihm ins Ohr.

'Halt, das ist ein Missverständnis', rief Satan verzweifelt. 'Das war doch nicht ernst gemeint! Haben Sie das etwa geglaubt, Herr Gott? Das geht doch gar nicht, man kann doch nicht einfach...'

' Rohe! Äch habe mainen Entschloss gefasst, ond so wärd es geschehen! Viel Spaß noch än den nächsten Tagen, es werden Ährrre letzten sain!' Mit diesen Worten verabschiedete er sich und verschwand.

Du kannst dur wahrscheinlich vorstellen, dass wir alles versuchten, um Gott daran zu hindern, sein Vorhaben durchzuführen, doch leider scheiterten wir. Gott machte die Erde dem Erdboden gleich, und aller starben, bis auf uns zwei. Wir überlebten allerdings nur, weil wir uns in Satans unterirdischer Höhle versteckten. Die Höhle hatte er übrigens schlicht und einfach "Höhle" getauft. Allerdings war es um seine orthografischen Fähigkeiten nicht sonderlich gut bestellt, darum stand auf dem Eingangsschild "Hölle". Ich sprach ihn darauf an, er behauptete, das wäre so gedacht. Na klar.

Äh, wie auch immer, nachdem Gott seine Welt neu erschaffen hatte, was übrigens angesichts des eingelegten Tempos einen ganz schönen Krach veranstaltete, konnten wir gefahrlos zurück auf die Erde, denn Gott würde sich sicherlich nicht an alle erinnern, die er erschaffen hatte.

Dachten wir.

Ein paar Tage, nachdem wir wieder nach oben gekommen waren, lief uns Gott über den Weg, als er nochmal betrachten wollte, was er alles tolles gemacht hatte. Hoffnungslos selbstverliebt, der Kerl. Er sah uns merkwürdig an, dann meinte er, er würde uns irgendwoher kennen, er könne sich allerdings nicht erinnern, uns erschaffen zu haben.

'Hey, das ist ein Irrtum', sagte ich. Wir leben hier grad mal ein paar Tage, und zwar genau seitdem du uns geschaffen hast!'

Gott blickte misstrauisch. Dann kam das Unvermeidliche: ' Moment mal, ich weiß, woher ich euch kenne. Ihr seid die, die mir auf meiner Rede diesen tollen Vorschlag gemacht haben!'

'Okay, ich gebe es zu, die sind wir', sagte Satan. 'Und ich wünschte, ich hätte es nie getan. Du bist völlig wahnsinnig! Wie hast du das überhaupt gemacht? Einfach alle umgebracht?'

'Nun ja, ich wusste nicht, wie ich das sonst hätte bewerkstelligen sollen...'

'Am besten gar nicht! Deine beziehungsweise meine Idee war völliger Schwachsinn.'

'Du wagst es, mich in Frage zu stellen? Ich bin GOTT!'

'Hast du eigentlich keinen normalen Namen?'

'Naja, man nannte mich früher André, aber diesen Namen wollte ich nicht mehr, weil alle immer das letzte e betont haben. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Ich werde euch töten, da ihr meine Autorität in Frage gestellt habt!'

Naja, das hat dann jedenfalls nicht ganz geklappt. Es kam zu einem spektakulären Kampf zwischen Gott und Satan, und wie nicht anders zu erwarten, hat Satan gewonnen. Es wurde dann so geregelt, dass Satan in den Himmel einzog, und Gott versauerte in Satans Höhle, äh, Hölle. Du siehst also, in Wirklichkeit ist Satan ein netter Kerl, und Gott ist das Arschloch. Naja, es hat sich so eingebürgert, dass Satan den Namen Gott bekam, und Gott wurde ab dann Satan genannt. Tja, und so ist es bis heute. Das Problem ist nur, dass Satan - ich benutze jetzt immer die aktuellen Namen - ein schlechter Verlierer ist. Er versucht dauernd (nach unserem Zeitgefühl dauernd, also etwa alle 1000 Jahre), den Spieß wieder umzudrehen. Und genau das versucht die V.O.L.L.K.O.R.N.B.R.O.T. zu verhindern.

Jetzt zurück zur Prophezeiung. Ich weiß nicht mehr genau, woher sie kam, ich bin schließlich nicht mehr der Jüngste, aber jedenfalls geht sie so:

Wenn es scheint als wär alles verloren
Dann stellt eine Leiter in den Sand
Es wird einer hinunter fallen
Um zu retten jedes Land."

Aha.
Ah ja.
 

KAPITEL 7: Pedro

Nachdem der Hustinettenbär mit seiner Geschichte fertig war, dachte ich eine Weile nach. Sollte ich ihm glauben? Andererseits, wenn er mich bloß veralbern wollte, hätte er sich bestimmt nicht die Mühe gemacht, die Sporthalle um zwanzig Meter nach unten zu verlegen und komische Räume daran zu bauen, die mit irgendwelchem technischen Zeug vollgestopft waren.
Fest stand jedenfalls, dass ich nicht der war, den sie suchten. Ich war kein Held und erfüllte garantiert kein einziges der Kriterien, die jemand erfüllen sollte, um die Welt zu retten. Außerdem musste ich schnell zum Unterricht. Die Doppelstunde Kunst war schon fast vorbei, und in Philosophie musste ich heute mit Marc, Carlos und Daniel ein Referat oder so etwas in der Art über den Buddhismus machen - ihr wisst schon, Buddhabrot mit Askese und so weiter.
Andererseits... Hatte die Prophezeiung nicht gesagt, dass der, der als erstes in die Grube fällt, der Messias ist? Wie auch immer, ich kam aus diesem Loch jedenfalls nicht mehr hinaus, also brachte mir das Nachdenken erst mal überhaupt nichts. Hoffentlich kam Pedro bald.

Ich hatte gerade angefangen, die Hoffnung aufzugeben, da öffnete sich die Klappe der Spülmaschine, und ein grünes Licht leuchtete hinaus. Außerdem kam irgendwo aus diesem Loch eine krächzige Stimme:

"Tut mir leid, 'ustinettenbär, es 'at einen Stau gegeben. Die Teller waren schwer beladen deswegen war die Über'olspur ziemlich voll!"

Der Hustinettenbär warf mir einen vielsagenden Blick zu. "Er kommt jedes Mal mit der gleichen Ausrede an. Dabei weissen wir beide genau, dass Teller an Werktagen gar nicht auf der Lautobahn fahren dürfen, die müssen auf die Pfandstraßen ausweichen."

"Lautobahn? Pfandstraßen? Und das in einer Spülmaschine? Du willst mich wohl vergackeiern!"

"Nein, natürlich nicht. Dies hier ist ein als Spülmaschine getarnter Zugang zu einer unterirdischen Infrastruktur, die aufgeteilt ist in die Lautobahnen und die Pfandstraßen, die kostenpflichtig sind."

"Und wer hat die alle gebaut?"

"Adolf Hitler."

"Was? Der ist doch schon seit über sechzig Jahren tot!"

"Ja, und? Er ist natürlich in die Hölle gekommen, wie du dir wahrscheinlich denken kannst. Naja, nach ein paar Jahren wurde es ihm ziemlich langweilig da unten, und da hat er das getan, was er am besten kann."

"Menschen vergast?"

"Na gut, das kann er noch besser, aber da da unten eh alle schon tot sind, würde das nicht viel bringen. Also hat er ein Straßennetz aufgebaut, das bis heute benutzt wird."

"Und ihr könnt da einfach so drauf fahren? Die gehören doch alle dem Teufel, also Gott, also dem jetzigen Teufel, also, ich meine..."

"Ja ja, ich weiß schon wen du meinst. Naja, hier oben sind die Straßen nicht besonders gut ausgeschildert, deswegen können wir uns relativ frei bewegen. Außerdem würden wir sowieso nicht auffallen. Der Teufel hat ein ziemlich schlechtes Gedächtnis, musst du wissen, außerdem haben wir uns auch verändert in der Zwischenzeit."

Plötzlich unterbrach Pedro uns.

"Das ist ja mal wieder typisch! Du 'etzt mich, als ginge es um Leben und Tod, und wenn ich dann endlich da bin, quatscht du stundenlang mit diesem 'ässlichen Rotzbengel. Wer ist das überhaupt?"

"Das, Pedro, ist der, auf den wir gewartet haben."

"Was? Meinst du, das ist..."

"Ja, das ist der Messias."

"Krasse Sache!"

Pedro blickte mich an. "Der sieht aber nicht nach einem 'elden aus! Wo 'abt ihr den denn aufgegabelt?"

"Er ist in die Grube gefallen. Du weißt doch, alles Gute kommt von oben!"

"Ahja. Was 'at er denn für Qualifikationen?"

"Äh, na ja", antwortete ich, "ich schreibe manchmal Geschichten..."

"Echt? Ich auch! Ich sitze gerade an einer, ich sag dir, das wird ein Knüller! Es geht um einen Jungen, der die Welt rettet, indem er ein Tor zur Hölle schließt..."

Ich war verblüfft. Der Hustinettenbär hatte Perdos Hobby ja schon angesprochen, aber das, was er erzählt hatte, hätte aus jedem zweiten Fantasyroman kommen können. Aber was Pedro jetzt beschrieb, klang zu hundert Prozent nach dem, was ich angeblich vor mir hatte.

"Hast du den Text dabei?", fragte ich ihn.

"Ja, aber er ist noch lange nicht fertig. Ich bin erst beim siebten Kapitel, und im Moment fällt mir auch nicht mehr viel ein."

"Egal, zeig ihn mir einfach mal".

Pedro griff in seine Hosentasche und holte Osama Bin Laden hervor.

"Jammama halla? Heja heja? Machmut Jihad Amerika! Bush plemplem, hommamakaka!"

Pedro sah mich verlegen an.

"Upps, falsche Tasche! Weißt du, seit ich diese neue Multifunktions'ose habe, komme ich manchmal ein bisschen durcheinander."

Er griff Osama Bin Laden, der gerade versuchte, sich davonzuschleichen, an seinem Bart und steckte ihn zurück in seine Tasche, woraufhin dieser etwas unverständliches fluchte. Er griff auf der anderen Seite in seine Hose und holte einen Karoblock hervor.

"Hier, bitte. Ich hoffe, du kannst es lesen, meine Handschrift ist nicht besonders gut."
 

KAPITEL 8: Der Fineliner der Macht

Ich nahm den Karoblock, klappte das Deckblatt zur Seite und begann zu lesen.

"Alles fing an einem stinknormalen Montag an. Ich war am Tag zuvor mal wieder viel zu spät ins Bett gegangen, und so war ich entsprechend müde. Also, mein Wecker klingelte. Ich, schlaftrunken wie ich war, tastete eine Weile blind in der Gegend rum bis ich das Scheißding endlich zu fassen bekam, dann warf ich es in hohem Bogen gegen die Wand."

Irgendwie erinnerte mich das wirklich an meinen heutigen Morgen. Aber das konnte immer noch Zufall sein, schließlich ging es vielen Leuten so. So etwas lächerliches, ich glaubte doch nicht ernsthaft, dass dieser Typ meine Geschichte...

Ich sah verwundert auf, als ich merkte, dass Pedro einen anderen Block hervorgeholt hatte und etwas aufschrieb.

"Was schreibst du denn da?", fragte ich ihn.

"Ach, ich schreibe bloß an der Geschichte weiter."

"Zeig mal, ich hab da so eine Vermutung."

"Du bist doch noch gar nicht fertig mit dem, was ich dir gegeben 'abe! Du verstehst doch die Zusammen'änge gar nicht, wenn du einfach ein paar Kapitel überspringst!"

"Ich glaube, ich versteh das besser als du glaubst. Jetzt gib schon her!"

Widerwillig reichte mir Pedro seine neuste Kreation.

Folgendes stand dort:
"Irgendwie erinnerte mich das wirklich an meinen heutigen Morgen. Aber das konnte immer noch Zufall sein, schließlich ging es vielen Leuten so. So etwas lächerliches, ich glaubte doch nicht ernsthaft, dass dieser Typ meine Geschichte...
Ich sah verwundert auf, als ich merkte, dass Pedro einen anderen Block hervorgeholt..."

Entgeistert sah ich Pedro an.

"Du schreibst meine Geschichte auf?"

"Wieso deine Geschichte? Das 'ab ich alles erfunden", sagte Pedro verwundert.

"Ach ja? Und wie erklärst du dir dann, dass in deinem Text genau das steht, was ich vorhin gedacht habe?"

"Ähm, keine Ahnung... ehrlich gesagt 'abe ich mit der Geschichte relativ wenig zu tun. Das meiste schreibt mein Fineliner. Ich weiß, das klingt jetzt komisch, aber ich brauche fast nie nachzudenken! Ich 'alte einfach den Stift auf das Papier, und er erledigt die ganze Arbeit."

Ich glaubte ihm sofort, schließlich war mir heute schon genug Verrücktes passiert. Warum sollte nicht auch das stimmen?

Ich sah, wie Pedro auch diese Gedanken aufschrieb. Plötzlich kam mir eine Idee...

"Pedro?"

"Ja?"

"Könnte es vielleicht sein, dass der Vorgang auch umgekehrt funktioniert?"

"Wie meinst du das?"

"Naja, wenn der Stift alles aufschreibt was passiert, vielleicht kannst du dann ja auch was aufschreiben, und das passiert dann!"

"Das ist wirklich eine gute Idee! Aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Der Stift schreibt ja direkt los, wenn ich mit ihm das Papier berühre."

"Kann ich den Stift mal haben?"

Pedro zögerte, gab ihn mir dann aber. "Mach ihn aber nicht kaputt, ich brauch ihn schließlich noch, um meine Geschichte zuende zu schreiben!"

Ich untersuchte den Stift. Plötzlich fiel mir innerhalb des Strichcodes eine kleine Unebenheit auf. Ich berührte sie, darauf klappte ein Teil des Stiftes hoch und legte einen Schalter frei mit den Aufschriften "G>E" und "E>G". Der Hebel zeigte in Richtung "G>E".

"Was, wenn G für Geschehen und E für Erzählung steht?", überlegte ich. "Wenn man den Hebel umlegt, müsste das eigentlich so funktionieren, wie ich das beschrieben habe."

"Und wenn das für was anderes steht? Wenn der Pfeil zum Beispiel für "größer als" steht, und E für, sagen wir mal, Eisvogel, und G für Giraffe?", warf Pedro ein.
Ich sah ihn verdutzt an.

"Naja", versuchte Pedro zu erklären, "stell dir mal vor, Giraffen wären nur noch zwanzig Zentimeter groß, Eisvögel dafür aber mehrere Meter! Wäre das nicht schrecklich?"

"Nicht schrecklicher, als deinem blöden Gelaber noch länger zuzuhören", mischte sich der Hustinettenbär ein. "Lost, Steffan, leg den Hebel um!"

Vorsichtig drückte ich gegen den Hebel, der mit einem Klicken in Richtung "E>G" sprang. Ich sah mich um. Keins Spur von überdimensionalen Eisvögeln.

Ich gab Pedro den Stift zurück. "Los, probier ihn mal aus!"

"Was soll ich denn schreiben?"

"Hmm... schreib, dass ein Radiergummi auf deinen Kopf fällt."

"Immer muss ich meinen Kopf 'in'alten", sagte Pedro missmutig, fing aber trotzdem an zu schreiben. Kaum war er mit seinem Satz fertig, hörte man ein "Pock", und Pedro rieb sich den Kopf.

Neben ihm lag ein Radiergummi.

"Na siehst du, es klappt!", freute sich der Hustinettenbär. "Jetzt mach mal was komplizierteres!"

Pedro lächelte und begann, wieder zu schreiben. Der Hustinettenbär versuchte, ihm über die Schulter zu schauen.

"Nicht kucken! Es ist noch nicht fertig!", tadelte Pedro. "So, einen Moment... ja, jetzt 'ab ichs."
Wir warteten, doch nichts geschah. Ich sah kurz den Hustinettenbär an, und ich musste plötzlich lachen.

"Was denn?", fragte er verärgert. "Was ist jetzt schon wieder?"

Ich zeigte kichernd auf seinen Oberkörper, und er sah an sich hinab. Ich bedauerte, dass ich keine Kamera dabei hatte - dieses Gesicht war einfach zu lustig.

"Pedro, du verdammter Idiot! Warum habe ich ein Tokio-Hotel-T-Shirt an?"

"Ich wollte etwas vollkommen unwahrscheinliches geschehen lassen", antwortete Pedro grinsend, "damit ich auch genau weiß, dass das kein Zufall war. Aber sag mal, Steffan", wandte er sich an mich, "was soll dieser Versuch überhaupt? Ich versteh das nicht!"

"Naja, wenn du alles geschehen lassen kannst, dann kannst du doch auch das Tor zur Hölle schließen, oder nicht?"

Pedro und der Hustinettenbär waren begeistert. Sie erklärten mir, um zum Tor zu kommen, müsse man eine kurze Strecke auf der Lautobahn fahren. Also stiegen wir nacheinander in die Spülmaschine.

Hinter einem der Computertische schaute schüchtern eine winzige Giraffe hervor.
 

KAPITEL 9: Into Spülmaschine

Im Inneren dessen, was von außen sehr stark einer Spülmaschine ähnelte, wurde mir schlagartig klar, dass der äußere Eindruck täuschte. Ich mag mich irren, aber soweit ich weiß, befindet sich in einer Spülmaschine keine lange Leiter, die zu einem unterirdischen, etwa zwanzig Meter tiefer gelegenen Parkplatz führt. Außerdem passen in eine Spülmaschine auch nicht etwa dreißig Fahrzeuge, die größtenteils so aussehen, als hätte die Reinkarnation nach der Schrottpresse nicht so ganz hingehauen.

Dies war mein erster Eindruck des Raumes – oder Gebäudes? – in den wir jetzt hinabstiegen, wobei „hinabsteigen“ vielleicht nicht das richtige Wort für unsere Tätigkeit war. Vielmehr versuchten wir, uns trotz des großen Höhenunterschieds, der zu überwinden war, so möglich wie wenig zu bewegen, damit das verrostete, halb auseinandergebrochene Gebilde, das ursprünglich einmal zur sicheren Fortbewegung gedacht war, mittlerweile aber gefährlicher zu sein schien als ein freier Fall bis zum Boden des Raumes, nicht vollständig kollabierte und uns in den sicheren Tod riss.

Irgendwie schafften wir es dann doch, und ich bekam Gelegenheit, mich einmal genauer umzusehen.

Mein erster Eindruck hatte mich getäuscht: In Wirklichkeit sah keine der Maschinen auch nur annähernd so aus, als wäre sie zum Zweck der Fortbewegung entworfen worden. Ich hatte das Gefühl, ich sollte einige Fragen stellen.

„Hustinettenbär?“

„Ja?“

„Ich will ja jetzt nicht unhöflich erscheinen, aber glaubst du, dass irgendeins von diesen, ähm, Dingern, in der Lage ist, uns zu transportieren?“

„Nein, natürlich nicht! Das ist doch nur der Schrottplatz, zum Parkplatz geht es durch die Tür da hinten.“

Erleichtert blickte ich in die Richtung, in die der Hustinettenbär deutete. Zuerst sah ich nur eine massive Felswand, doch als er dann auf einen Knopf in der Nähe der Leiter drückte, schob sich ein Teil davon zur Seite und gab die Sicht auf einen hell gestrichenen Korridor frei. Der Hustinettenbär setzte sich in Bewegung, und Pedro und ich folgten ihm.

Der Korridor war ziemlich lang, und auf beiden Seiten gab es pastell-türkise Türen mit unregelmäßig angeordneten Zahlen. Ich überlegte gar nicht erst, was da für ein System hinterstecken könnte, wahrscheinlich gab es sowieso keins.

Plötzlich hielt der Hustinettenbär an, und ich wäre fast in ihn hineingelaufen. Er öffnete eine Tür (fantasievollerweise hatte sie die Nummer 666) und ging hinein. Wir befanden uns jetzt in einer Art Büro, in dem sich ein Schreibtisch befand, an dem ein ziemlich merkwürdiges Wesen saß. Grob betrachtet schien es ein Mensch zu sein, aber das war auch schon alles, was es mit einem Prachtexemplar dieser Gattung, zum Beispiel mir, gemeinsam hatte. Auf weitere Details möchte ich nicht eingehen; stellt euch einfach jemanden vor, der die Form von Rainer Calmund, das Gesicht von Daniel Küblböck, die Frisur von Bill Kaulitz und den Gesichtsausdruck von Rudolf Scharping hat, diese Kombination dürfte ziemlich genau das verkörpern, was ich vor mir sah.

Dieses Wesen, auf dessen Namensschild „Rediensch Ordep“ stand, kam auf uns zugehumpelt und meinte mit einer quäkigen Stimme, wir müssten unsere Papiere vorlegen. Ich hatte mein Portemonnaie nicht dabei, doch als ich das sagte, lachte Rediensch nur.

„Johr eidi wonnt ei not tu sii, ju kenn mi simpli e pies of päiper schou, ent sätt ritsches ollreddi.“

Nachdem ich diese Botschaft einigermaßen entschlüsselt hatte, nahm ich meine Schultasche, die ich immer noch umhatte, und riss aus meinem Karoblock ein Blatt hinaus, das ich Rediensch gab. Er beäugte es kritisch und sagte dann etwas, was ich zwecks Verständnis der Leser am besten übersetze.

„Hmm, Karogröße fünf mal fünf Millimeter, Format DIN A4, also etwa zwanzig mal dreißig Zentimeter, vierfach gelocht mit gleichbleibendem Abstand, also geeignet für Aktenordner jedweder Art, ursprünglich befindlich auf einem Karoblock mit achtzig Blättern von einer sehr bekannten Discounterkette... ja, scheint alles in Ordnung zu sein. Sie können passieren!“

Ich wollte an ihm vorbeigehen, da hielt mich der Hustinettenbär zurück.

„Du bist nicht gemeint, Steffan! Rediensch redet von den Tomatenstampfern! Sie müssen das Blatt zerstören, um Datenschutzverletzungen zu vermeiden.“

Verwundert sah ich mich um und bemerkte zwei kräftig gebaute Männer mit ebenso kräftigen Kartoffelstampfern, die das Blatt nahmen und es bearbeiteten, bis nur noch kleine Fetzen davon übrig waren. Dann verschwanden sie wieder in dem Einbauschrank, aus dem sie gekommen waren.

„So, jetzt können Sie passieren, Herr Schulz! Ich entschuldige mich noch einmal für das Missverständnis, was es gerade gab. Viele Leute kennen unser System nicht, und ich habe keine Lust, es immer jedem vorher zu erklären. Ich...“

„Schon gut“, unterbrach ihn der Hustinettenbär. „Komm, Steffan, wir gehen zum Parkplatz!“
 

KAPITEL 10: Das Pedromobil

Gesagt, getan. Rediensch drückte einen Knopf an seinem Schreibtisch, daraufhin klappte ein Stück der Wand des Raumes, in dem wir waren, nach vorne, und ich konnte das Innere eines relativ großen Fahrstuhls sehen. Es war ein ganz normaler Fahrstuhl, es lief sogar Musik. Es war zwar das neue Album von Hansi Hinterseer, aber irgendein Haken ist ja immer dabei, und wir würden wahrscheinlich nicht lange im Fahrstuhl sein.

Denkste!

Wir standen schon etwa eine Viertelstunde im Fahrstuhl, der sich stetig bergab bewegte, als ich den Hustinettenbären fragte, ob es ein Problem gab.

"Nein, überhaupt nicht!", antwortete er. "Die Erdkruste ist nun mal ziemlich dick, und auch wenn wir nur einen Bruchteil davon durchdringen müssen, dauert es trotzdem eine ganze Weile. Bald müssten wir aber da sein."

Das hoffte ich auch, und ich wurde nicht enttäuscht: Etwa drei Minuten später ging ein plötzlicher Ruck durch den Fahrstuhl, und die Tür öffnete sich. Der Hustinettenbär, Pedro und ich gingen hinaus und befanden uns in einer großen Halle, in der die verschiedensten Fahrzeuge standen - glücklicherweise waren sie in einem viel besseren Zustand als die, die ich auf dem Schrottplatz gesehen hatte. Pedro setzte sich zielstrebig in Bewegung.

"'ier lang, Leute! Unser Fahrzeug steht gleich hier drüben!"

Er deutete auf ein Gerät, das auf den ersten Blick aussah wie ein Zeppelin, aber als wir näher herankamen, sahen wir, dass es Räder hatte und komplett aus Metall bestand. Es war etwa fünf Meter lang und hatte vorne ein relativ kleines Fenster. Es war rot angemalt, und in großen, gelben Buchstaben stand "Pedromobil" darauf.

"Ist das dein Auto, Pedro?", fragte ich.

"Ja, ganz recht! Was ihr 'ier seht, ist mein ganzer Stolz! Ich 'abe es komplett alleine gebaut, und..."

"Na na na, Pedro, wir wollen doch nicht lügen", fiel ihm der Hustinettenbär ins Wort. Zu mir gewandt fuhr er fort: "Sagen wir es mal so: Pedro hat die Arbeiter bezahlt und durfte ab und zu mal was festhalten."

Pedro machte ein beleidigtes Gesicht. "Das brauchst du ihm aber nicht unbedingt direkt unter die Nase zu reiben! Ich 'ätte auch gerne mal ein wenig Anerkennung!"

"Die kannst du haben, wenn du das Höllentor geschlossen hast. Hättest du jetzt die Güte, dein", er räusperte sich, "selbstgebautes Gefährt zu öffnen?"

Missmutig griff Pedro in die Tasche und holte einen großen Schlüsselbund heraus. Er hatte keine Probleme, den passenden Schlüssel zu finden, denn dieser war in einem genauso knalligen Rot lackiert wie das Auto selbst. Er drückte auf den Knopf, der in den Schlüssel eingebaut war, und am hinteren Ende des Pedromobils ging eine Klappe auf und eine kurze Leiter schob sich hinaus. Ich musste zugeben, dass Pedro gute Arbeit geleistet... pardon, leisten lassen hatte.

"Ich muss zuerst noch kurz testen, ob alles funktioniert, dann können wir losfahren", erklärte Pedro. "Schließlich ist das eine sehr wichtige und gefährliche Aufgabe, die wir 'aben, da muss ich auch sicher sein, dass das Auto nicht kaputtgeht."

Das sahen wir natürlich ein, und so setzten wir uns neben dem Pedromobil auf den Boden und warteten. Im Inneren des Fahrzeugs hörte ich einige beunruhigende Geräusche, und ich fragte, ob alles in Ordnung war.

"Keine Sorge, ich teste nur grade die Funkanlage, die brauchen wir, um uns während der Fahrt zu unter'alten."

"Ich will dir ja jetzt nicht widersprechen, aber ich glaube nicht, dass wir uns in einem grade mal fünf Meter langen Auto über Funkgeräte unterhalten müssen!"

"Normalerweise ist das auch so, aber 'ier liegt ein Sonderfall vor. Durch Umstände, die ich bis'er nicht aufdecken konnte, macht das Mobil seit einiger Zeit beim Fahren schrecklichen Lärm, bei dem man nicht mal mehr versteht, was man selber sagt."

"Ungeklärte Umstände", lachte der Hustinettenbär. "Du weißt ganz genau, dass du bei unserem letzten Auftrag den Schalldämpfer geschrottet hast!"

"Das war ich nicht! Das war eine von diesen Mini-Lenkraketen!"

"Ja, und zwar eine von uns, die du gestartet und gelenkt hast! Du kannst froh sein, dass ich dich gezwungen habe, den Tank mit einer zusätzlichen Schutzschicht zu ummanteln, sonst müssten wir uns ums Hören jetzt überhaupt keine Gedanken machen, weil wir nämlich in die Luft geflogen wären."

Pedro seufzte. "Wie auch immer, ich bin jetzt jedenfalls fertig. Kommt rein und setzt euch!"

Ich sah jetzt zum ersten Mal das Innere von Pedros Fahrzeug. Überall blinkten bunte Lichter (von denen Pedro wahrscheinlich zu neunzig Prozent nicht wusste, wofür sie gut waren), und vorne, in der Mitte und hinten befanden sich jeweils zwei Sitze.

"Setz dich am besten in die Mitte", riet mir der Hustinettenbär. "Ich sitze vorne neben Pedro und gleiche seine Dummheit aus."

"Jetzt reichts aber", zischte Pedro. "Wenn du mich weiter so niedermachst, dann kannst du das Höllentor selber schließen!"

"Das wär vielleicht sogar besser. Naja, wie auch immer, jetzt sind wir hier, also lasst uns nicht lange warten. Je eher wir losfahren, desto besser."

Ich setzte mich auf den linken, mittleren Stuhl und schnallte mich fest. Pedro sagte mir, ich solle die Kopfhörer aufsetzen, die über mir hingen. "Die schützen dich erstens vor dem Krach, und zweitens kannst du über das eingebaute 'eadset mit uns in Verbindung bleiben." Gesagt, getan, und als wir mit den Sicherheitsvorkehrungen fertig waren, löste Pedro die Handbremse und ließ den Motor an. Er hatte nicht untertrieben, selbst mit den schützenden Kopfhörern auf den Ohren war es noch immer extrem laut.

"Alles klar bei euch?", sprach Pedros Stimme aus meinem Kopfhörer. Ich bejahte. "Okay, dann gehts jetzt los!"