KAPITEL 6: Die Geschichte des Hustinettenbären

"Ich wurde geboren, da war an euch Menschen noch gar nicht zu denken, und die Erde war gerade mal ein paar Millionen Jahre alt. Es gab eigentlich nur Berge, Lava und Luft. Naja, und natürlich Sprockhövel."

Was?

"Was?"

"Ach, das wusstest du gar nicht?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Sprockhövel ist nicht bloß eine Stadt. Vor langer Zeit, vor vier Milliarden Jahren genauer gesagt, entstand dort, wo heute die Stadt Sprockhövel liegt, niemand anderes als Satan."

"Moment mal, es wird doch behauptet, Satan wäre ein gefallener..."

"Engel, meinst du? So ein Schwachsinn. Satan war schon viel länger da. Wobei ich damit nicht bestreiten will, dass es viele Engel auch schon so lange gibt."

"Aber es gibt doch gar keine Engel!"

"Ja was denn nu? Zuerst bezeichnest du Satan als gefallenen Engel, dann behauptest du, es gäbe gar keine. Kannst du dich vielleicht mal entscheiden?"

Ich fühlte mich in diesem Augenblick ziemlich dämlich. "Ach, egal. Erzähl weiter", sagte ich.

"Also, wie gesagt, Satan wurde in Sprockhövel geboren, ungefähr zur selben Zeit wie ich. Wir waren sogar zusammen im Kindergarten und auf der Grundschule, dann allerdings..."

"Kindergarten? Grundschule? Aber es gab doch noch gar keine Menschen!"

"Wer sagt denn, dass nur Menschen in die Schule gehen? Auch ein Höllenfürst kriegt den Satz von Pythagoras und die chemischen Grundgesetze nicht in die Wiege gelegt! Jedenfalls, nach der Grundschule ging er aufs Gymnasium, ich dagegen entschied mich für das Gymaugium".

Ich runzelte die Stirn, wollte ihn aber nicht schon wieder unterbrechen.

"Wir verloren uns für eine Weile aus den Augen, um genau zu sein 3 Milliarden, 999 Millionen und etwa 995 000 Jahre. Dann trafen wir uns wieder. Die Erde war inzwischen der heutigen sehr ähnlich, und die Vorfahren der heutigen Menschen bauten schon Kulturen auf und so weiter. Wir begegneten uns an einem Vulkan. Ich wollte wissenschaftliche Studien betreiben -" (Na sicher.) "- und Satan machte einen kleinen Spaziergang vor der Haustür. Das ganze lief etwa so ab:

'Moment mal, das ist doch... Satan, bist du das?'

'Hustinettenbär?!'

'Ja, ich bins! Was machst du denn so?'

'Och, ich hab mir unter der Erdoberfläche eine kleine Existenz aufgebaut. Und du?'

'Ich sitze gerade an der Entwicklung eines fruchtigen, jedoch synthetischen Genussmittels.'

'Du warst schon immer so verrückt!'

'Ach, von sowas verstehst du doch nichts. Sag mal, hast du schon von diesem Verrückten gehört, der die Erde kaufen will?'

'Nö. Wer kommt denn auf solche Ideen?'

'Irgend so einer aus dem Himmel. Mal wieder typisch, diese Bonzen können nie genug kriegen. Erst ein Baum, dann ein Berg, ein Land - und jetzt die ganze Erde!'

'Wie heißt der Kerl denn?'

'Er nennt sich Gott, wenn ich das richtig verstanden habe. Vielleich war es aber auch Pott... oder Schrott, das würde auch ganz gut passen.'

Wir unterhielten uns noch eine Weile und nahmen uns dann vor, zu der Rede zu erscheinen, die Gott halten wollte. Vielleicht gab es da was zu lachen, und ich hatte schon lange nicht mehr mit fauligem Obst auf unsympathische Personen geworfen. Naja, etwa einen Monat vor dem Tag dieser Rede hingen überall Plakate mit der Aufschrift 'Ihr gehört bald Gott. Seht euch an, was auf euch zukommt!' Ich konnte nicht herausfinden, ob das offiziell war, oder eine Anti-Gott-Kampagne. Ich tippte allerdings auf ersteres, denn Gott war schon blöd genug, um solche Plakate zu verteilen.
Die Rede war ziemlich merkwürdig, eigentlich machte er einen ganz sympathischen Eindruck, allerdings auch vollkommen verrückt. Er laberte irgendwas von Chaos und dass er die Welt in angemessene Bahnen lenken wollte. Das ganze hatte schon was diktatorisches an sich. Ich fragte mich übrigens, von wem er die Erde kaufen wollte, schließlich gehörte sie ja niemandem. Auch den Rest seiner Geschichte fand ich sehr fragwürdig. Satan dachte genauso, und scherzhaft schlug er Gott vor, er sollte doch einfach alle ausrotten, dann könnte er nochmal ganz von vorne anfangen. Schließlich könnte er dann alles nach seinen Vorstellungen gestalten. Eigentlich wollte er Gott damit nur ärgern, aber das ging gründlich in die Hose.

Gott fand das nämlich gar nicht so schlecht. Er überlegte eine Weile, dann sagte er: 'Der Herr in rot mit den großen Hörnern hat mich auf eine tolle Idee gebracht! Wie er schon vorschlug, werde ich die gesamte Bevölkerrrong, alle Tierrre ond Pflanzen, Berge, Täla ond so waita von diesem Planeten entfernen, dann kann äch maine Vorstellongen perfekt omsetzen! Danke för diese tolle Ädee!' (Hier verfiel er auf einmal in den Redestil eines genauso Verrückten)

Das gesamte Publikum, etwa tausend Leute, blickte wütend zu Satan und mir herüber. 'Da hast du uns ja was tolles eingebrockt', flüsterte ich ihm ins Ohr.

'Halt, das ist ein Missverständnis', rief Satan verzweifelt. 'Das war doch nicht ernst gemeint! Haben Sie das etwa geglaubt, Herr Gott? Das geht doch gar nicht, man kann doch nicht einfach...'

' Rohe! Äch habe mainen Entschloss gefasst, ond so wärd es geschehen! Viel Spaß noch än den nächsten Tagen, es werden Ährrre letzten sain!' Mit diesen Worten verabschiedete er sich und verschwand.

Du kannst dur wahrscheinlich vorstellen, dass wir alles versuchten, um Gott daran zu hindern, sein Vorhaben durchzuführen, doch leider scheiterten wir. Gott machte die Erde dem Erdboden gleich, und aller starben, bis auf uns zwei. Wir überlebten allerdings nur, weil wir uns in Satans unterirdischer Höhle versteckten. Die Höhle hatte er übrigens schlicht und einfach "Höhle" getauft. Allerdings war es um seine orthografischen Fähigkeiten nicht sonderlich gut bestellt, darum stand auf dem Eingangsschild "Hölle". Ich sprach ihn darauf an, er behauptete, das wäre so gedacht. Na klar.

Äh, wie auch immer, nachdem Gott seine Welt neu erschaffen hatte, was übrigens angesichts des eingelegten Tempos einen ganz schönen Krach veranstaltete, konnten wir gefahrlos zurück auf die Erde, denn Gott würde sich sicherlich nicht an alle erinnern, die er erschaffen hatte.

Dachten wir.

Ein paar Tage, nachdem wir wieder nach oben gekommen waren, lief uns Gott über den Weg, als er nochmal betrachten wollte, was er alles tolles gemacht hatte. Hoffnungslos selbstverliebt, der Kerl. Er sah uns merkwürdig an, dann meinte er, er würde uns irgendwoher kennen, er könne sich allerdings nicht erinnern, uns erschaffen zu haben.

'Hey, das ist ein Irrtum', sagte ich. Wir leben hier grad mal ein paar Tage, und zwar genau seitdem du uns geschaffen hast!'

Gott blickte misstrauisch. Dann kam das Unvermeidliche: ' Moment mal, ich weiß, woher ich euch kenne. Ihr seid die, die mir auf meiner Rede diesen tollen Vorschlag gemacht haben!'

'Okay, ich gebe es zu, die sind wir', sagte Satan. 'Und ich wünschte, ich hätte es nie getan. Du bist völlig wahnsinnig! Wie hast du das überhaupt gemacht? Einfach alle umgebracht?'

'Nun ja, ich wusste nicht, wie ich das sonst hätte bewerkstelligen sollen...'

'Am besten gar nicht! Deine beziehungsweise meine Idee war völliger Schwachsinn.'

'Du wagst es, mich in Frage zu stellen? Ich bin GOTT!'

'Hast du eigentlich keinen normalen Namen?'

'Naja, man nannte mich früher André, aber diesen Namen wollte ich nicht mehr, weil alle immer das letzte e betont haben. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Ich werde euch töten, da ihr meine Autorität in Frage gestellt habt!'

Naja, das hat dann jedenfalls nicht ganz geklappt. Es kam zu einem spektakulären Kampf zwischen Gott und Satan, und wie nicht anders zu erwarten, hat Satan gewonnen. Es wurde dann so geregelt, dass Satan in den Himmel einzog, und Gott versauerte in Satans Höhle, äh, Hölle. Du siehst also, in Wirklichkeit ist Satan ein netter Kerl, und Gott ist das Arschloch. Naja, es hat sich so eingebürgert, dass Satan den Namen Gott bekam, und Gott wurde ab dann Satan genannt. Tja, und so ist es bis heute. Das Problem ist nur, dass Satan - ich benutze jetzt immer die aktuellen Namen - ein schlechter Verlierer ist. Er versucht dauernd (nach unserem Zeitgefühl dauernd, also etwa alle 1000 Jahre), den Spieß wieder umzudrehen. Und genau das versucht die V.O.L.L.K.O.R.N.B.R.O.T. zu verhindern.

Jetzt zurück zur Prophezeiung. Ich weiß nicht mehr genau, woher sie kam, ich bin schließlich nicht mehr der Jüngste, aber jedenfalls geht sie so:

Wenn es scheint als wär alles verloren
Dann stellt eine Leiter in den Sand
Es wird einer hinunter fallen
Um zu retten jedes Land."

Aha.
Ah ja.