KAPITEL 7: Pedro

Nachdem der Hustinettenbär mit seiner Geschichte fertig war, dachte ich eine Weile nach. Sollte ich ihm glauben? Andererseits, wenn er mich bloß veralbern wollte, hätte er sich bestimmt nicht die Mühe gemacht, die Sporthalle um zwanzig Meter nach unten zu verlegen und komische Räume daran zu bauen, die mit irgendwelchem technischen Zeug vollgestopft waren.
Fest stand jedenfalls, dass ich nicht der war, den sie suchten. Ich war kein Held und erfüllte garantiert kein einziges der Kriterien, die jemand erfüllen sollte, um die Welt zu retten. Außerdem musste ich schnell zum Unterricht. Die Doppelstunde Kunst war schon fast vorbei, und in Philosophie musste ich heute mit Marc, Carlos und Daniel ein Referat oder so etwas in der Art über den Buddhismus machen - ihr wisst schon, Buddhabrot mit Askese und so weiter.
Andererseits... Hatte die Prophezeiung nicht gesagt, dass der, der als erstes in die Grube fällt, der Messias ist? Wie auch immer, ich kam aus diesem Loch jedenfalls nicht mehr hinaus, also brachte mir das Nachdenken erst mal überhaupt nichts. Hoffentlich kam Pedro bald.

Ich hatte gerade angefangen, die Hoffnung aufzugeben, da öffnete sich die Klappe der Spülmaschine, und ein grünes Licht leuchtete hinaus. Außerdem kam irgendwo aus diesem Loch eine krächzige Stimme:

"Tut mir leid, 'ustinettenbär, es 'at einen Stau gegeben. Die Teller waren schwer beladen deswegen war die Über'olspur ziemlich voll!"

Der Hustinettenbär warf mir einen vielsagenden Blick zu. "Er kommt jedes Mal mit der gleichen Ausrede an. Dabei weissen wir beide genau, dass Teller an Werktagen gar nicht auf der Lautobahn fahren dürfen, die müssen auf die Pfandstraßen ausweichen."

"Lautobahn? Pfandstraßen? Und das in einer Spülmaschine? Du willst mich wohl vergackeiern!"

"Nein, natürlich nicht. Dies hier ist ein als Spülmaschine getarnter Zugang zu einer unterirdischen Infrastruktur, die aufgeteilt ist in die Lautobahnen und die Pfandstraßen, die kostenpflichtig sind."

"Und wer hat die alle gebaut?"

"Adolf Hitler."

"Was? Der ist doch schon seit über sechzig Jahren tot!"

"Ja, und? Er ist natürlich in die Hölle gekommen, wie du dir wahrscheinlich denken kannst. Naja, nach ein paar Jahren wurde es ihm ziemlich langweilig da unten, und da hat er das getan, was er am besten kann."

"Menschen vergast?"

"Na gut, das kann er noch besser, aber da da unten eh alle schon tot sind, würde das nicht viel bringen. Also hat er ein Straßennetz aufgebaut, das bis heute benutzt wird."

"Und ihr könnt da einfach so drauf fahren? Die gehören doch alle dem Teufel, also Gott, also dem jetzigen Teufel, also, ich meine..."

"Ja ja, ich weiß schon wen du meinst. Naja, hier oben sind die Straßen nicht besonders gut ausgeschildert, deswegen können wir uns relativ frei bewegen. Außerdem würden wir sowieso nicht auffallen. Der Teufel hat ein ziemlich schlechtes Gedächtnis, musst du wissen, außerdem haben wir uns auch verändert in der Zwischenzeit."

Plötzlich unterbrach Pedro uns.

"Das ist ja mal wieder typisch! Du 'etzt mich, als ginge es um Leben und Tod, und wenn ich dann endlich da bin, quatscht du stundenlang mit diesem 'ässlichen Rotzbengel. Wer ist das überhaupt?"

"Das, Pedro, ist der, auf den wir gewartet haben."

"Was? Meinst du, das ist..."

"Ja, das ist der Messias."

"Krasse Sache!"

Pedro blickte mich an. "Der sieht aber nicht nach einem 'elden aus! Wo 'abt ihr den denn aufgegabelt?"

"Er ist in die Grube gefallen. Du weißt doch, alles Gute kommt von oben!"

"Ahja. Was 'at er denn für Qualifikationen?"

"Äh, na ja", antwortete ich, "ich schreibe manchmal Geschichten..."

"Echt? Ich auch! Ich sitze gerade an einer, ich sag dir, das wird ein Knüller! Es geht um einen Jungen, der die Welt rettet, indem er ein Tor zur Hölle schließt..."

Ich war verblüfft. Der Hustinettenbär hatte Perdos Hobby ja schon angesprochen, aber das, was er erzählt hatte, hätte aus jedem zweiten Fantasyroman kommen können. Aber was Pedro jetzt beschrieb, klang zu hundert Prozent nach dem, was ich angeblich vor mir hatte.

"Hast du den Text dabei?", fragte ich ihn.

"Ja, aber er ist noch lange nicht fertig. Ich bin erst beim siebten Kapitel, und im Moment fällt mir auch nicht mehr viel ein."

"Egal, zeig ihn mir einfach mal".

Pedro griff in seine Hosentasche und holte Osama Bin Laden hervor.

"Jammama halla? Heja heja? Machmut Jihad Amerika! Bush plemplem, hommamakaka!"

Pedro sah mich verlegen an.

"Upps, falsche Tasche! Weißt du, seit ich diese neue Multifunktions'ose habe, komme ich manchmal ein bisschen durcheinander."

Er griff Osama Bin Laden, der gerade versuchte, sich davonzuschleichen, an seinem Bart und steckte ihn zurück in seine Tasche, woraufhin dieser etwas unverständliches fluchte. Er griff auf der anderen Seite in seine Hose und holte einen Karoblock hervor.

"Hier, bitte. Ich hoffe, du kannst es lesen, meine Handschrift ist nicht besonders gut."