KAPITEL 8: Der Fineliner der Macht

Ich nahm den Karoblock, klappte das Deckblatt zur Seite und begann zu lesen.

"Alles fing an einem stinknormalen Montag an. Ich war am Tag zuvor mal wieder viel zu spät ins Bett gegangen, und so war ich entsprechend müde. Also, mein Wecker klingelte. Ich, schlaftrunken wie ich war, tastete eine Weile blind in der Gegend rum bis ich das Scheißding endlich zu fassen bekam, dann warf ich es in hohem Bogen gegen die Wand."

Irgendwie erinnerte mich das wirklich an meinen heutigen Morgen. Aber das konnte immer noch Zufall sein, schließlich ging es vielen Leuten so. So etwas lächerliches, ich glaubte doch nicht ernsthaft, dass dieser Typ meine Geschichte...

Ich sah verwundert auf, als ich merkte, dass Pedro einen anderen Block hervorgeholt hatte und etwas aufschrieb.

"Was schreibst du denn da?", fragte ich ihn.

"Ach, ich schreibe bloß an der Geschichte weiter."

"Zeig mal, ich hab da so eine Vermutung."

"Du bist doch noch gar nicht fertig mit dem, was ich dir gegeben 'abe! Du verstehst doch die Zusammen'änge gar nicht, wenn du einfach ein paar Kapitel überspringst!"

"Ich glaube, ich versteh das besser als du glaubst. Jetzt gib schon her!"

Widerwillig reichte mir Pedro seine neuste Kreation.

Folgendes stand dort:
"Irgendwie erinnerte mich das wirklich an meinen heutigen Morgen. Aber das konnte immer noch Zufall sein, schließlich ging es vielen Leuten so. So etwas lächerliches, ich glaubte doch nicht ernsthaft, dass dieser Typ meine Geschichte...
Ich sah verwundert auf, als ich merkte, dass Pedro einen anderen Block hervorgeholt..."

Entgeistert sah ich Pedro an.

"Du schreibst meine Geschichte auf?"

"Wieso deine Geschichte? Das 'ab ich alles erfunden", sagte Pedro verwundert.

"Ach ja? Und wie erklärst du dir dann, dass in deinem Text genau das steht, was ich vorhin gedacht habe?"

"Ähm, keine Ahnung... ehrlich gesagt 'abe ich mit der Geschichte relativ wenig zu tun. Das meiste schreibt mein Fineliner. Ich weiß, das klingt jetzt komisch, aber ich brauche fast nie nachzudenken! Ich 'alte einfach den Stift auf das Papier, und er erledigt die ganze Arbeit."

Ich glaubte ihm sofort, schließlich war mir heute schon genug Verrücktes passiert. Warum sollte nicht auch das stimmen?

Ich sah, wie Pedro auch diese Gedanken aufschrieb. Plötzlich kam mir eine Idee...

"Pedro?"

"Ja?"

"Könnte es vielleicht sein, dass der Vorgang auch umgekehrt funktioniert?"

"Wie meinst du das?"

"Naja, wenn der Stift alles aufschreibt was passiert, vielleicht kannst du dann ja auch was aufschreiben, und das passiert dann!"

"Das ist wirklich eine gute Idee! Aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Der Stift schreibt ja direkt los, wenn ich mit ihm das Papier berühre."

"Kann ich den Stift mal haben?"

Pedro zögerte, gab ihn mir dann aber. "Mach ihn aber nicht kaputt, ich brauch ihn schließlich noch, um meine Geschichte zuende zu schreiben!"

Ich untersuchte den Stift. Plötzlich fiel mir innerhalb des Strichcodes eine kleine Unebenheit auf. Ich berührte sie, darauf klappte ein Teil des Stiftes hoch und legte einen Schalter frei mit den Aufschriften "G>E" und "E>G". Der Hebel zeigte in Richtung "G>E".

"Was, wenn G für Geschehen und E für Erzählung steht?", überlegte ich. "Wenn man den Hebel umlegt, müsste das eigentlich so funktionieren, wie ich das beschrieben habe."

"Und wenn das für was anderes steht? Wenn der Pfeil zum Beispiel für "größer als" steht, und E für, sagen wir mal, Eisvogel, und G für Giraffe?", warf Pedro ein.
Ich sah ihn verdutzt an.

"Naja", versuchte Pedro zu erklären, "stell dir mal vor, Giraffen wären nur noch zwanzig Zentimeter groß, Eisvögel dafür aber mehrere Meter! Wäre das nicht schrecklich?"

"Nicht schrecklicher, als deinem blöden Gelaber noch länger zuzuhören", mischte sich der Hustinettenbär ein. "Lost, Steffan, leg den Hebel um!"

Vorsichtig drückte ich gegen den Hebel, der mit einem Klicken in Richtung "E>G" sprang. Ich sah mich um. Keins Spur von überdimensionalen Eisvögeln.

Ich gab Pedro den Stift zurück. "Los, probier ihn mal aus!"

"Was soll ich denn schreiben?"

"Hmm... schreib, dass ein Radiergummi auf deinen Kopf fällt."

"Immer muss ich meinen Kopf 'in'alten", sagte Pedro missmutig, fing aber trotzdem an zu schreiben. Kaum war er mit seinem Satz fertig, hörte man ein "Pock", und Pedro rieb sich den Kopf.

Neben ihm lag ein Radiergummi.

"Na siehst du, es klappt!", freute sich der Hustinettenbär. "Jetzt mach mal was komplizierteres!"

Pedro lächelte und begann, wieder zu schreiben. Der Hustinettenbär versuchte, ihm über die Schulter zu schauen.

"Nicht kucken! Es ist noch nicht fertig!", tadelte Pedro. "So, einen Moment... ja, jetzt 'ab ichs."
Wir warteten, doch nichts geschah. Ich sah kurz den Hustinettenbär an, und ich musste plötzlich lachen.

"Was denn?", fragte er verärgert. "Was ist jetzt schon wieder?"

Ich zeigte kichernd auf seinen Oberkörper, und er sah an sich hinab. Ich bedauerte, dass ich keine Kamera dabei hatte - dieses Gesicht war einfach zu lustig.

"Pedro, du verdammter Idiot! Warum habe ich ein Tokio-Hotel-T-Shirt an?"

"Ich wollte etwas vollkommen unwahrscheinliches geschehen lassen", antwortete Pedro grinsend, "damit ich auch genau weiß, dass das kein Zufall war. Aber sag mal, Steffan", wandte er sich an mich, "was soll dieser Versuch überhaupt? Ich versteh das nicht!"

"Naja, wenn du alles geschehen lassen kannst, dann kannst du doch auch das Tor zur Hölle schließen, oder nicht?"

Pedro und der Hustinettenbär waren begeistert. Sie erklärten mir, um zum Tor zu kommen, müsse man eine kurze Strecke auf der Lautobahn fahren. Also stiegen wir nacheinander in die Spülmaschine.

Hinter einem der Computertische schaute schüchtern eine winzige Giraffe hervor.