KAPITEL 9: Into Spülmaschine

Im Inneren dessen, was von außen sehr stark einer Spülmaschine ähnelte, wurde mir schlagartig klar, dass der äußere Eindruck täuschte. Ich mag mich irren, aber soweit ich weiß, befindet sich in einer Spülmaschine keine lange Leiter, die zu einem unterirdischen, etwa zwanzig Meter tiefer gelegenen Parkplatz führt. Außerdem passen in eine Spülmaschine auch nicht etwa dreißig Fahrzeuge, die größtenteils so aussehen, als hätte die Reinkarnation nach der Schrottpresse nicht so ganz hingehauen.

Dies war mein erster Eindruck des Raumes – oder Gebäudes? – in den wir jetzt hinabstiegen, wobei „hinabsteigen“ vielleicht nicht das richtige Wort für unsere Tätigkeit war. Vielmehr versuchten wir, uns trotz des großen Höhenunterschieds, der zu überwinden war, so möglich wie wenig zu bewegen, damit das verrostete, halb auseinandergebrochene Gebilde, das ursprünglich einmal zur sicheren Fortbewegung gedacht war, mittlerweile aber gefährlicher zu sein schien als ein freier Fall bis zum Boden des Raumes, nicht vollständig kollabierte und uns in den sicheren Tod riss.

Irgendwie schafften wir es dann doch, und ich bekam Gelegenheit, mich einmal genauer umzusehen.

Mein erster Eindruck hatte mich getäuscht: In Wirklichkeit sah keine der Maschinen auch nur annähernd so aus, als wäre sie zum Zweck der Fortbewegung entworfen worden. Ich hatte das Gefühl, ich sollte einige Fragen stellen.

„Hustinettenbär?“

„Ja?“

„Ich will ja jetzt nicht unhöflich erscheinen, aber glaubst du, dass irgendeins von diesen, ähm, Dingern, in der Lage ist, uns zu transportieren?“

„Nein, natürlich nicht! Das ist doch nur der Schrottplatz, zum Parkplatz geht es durch die Tür da hinten.“

Erleichtert blickte ich in die Richtung, in die der Hustinettenbär deutete. Zuerst sah ich nur eine massive Felswand, doch als er dann auf einen Knopf in der Nähe der Leiter drückte, schob sich ein Teil davon zur Seite und gab die Sicht auf einen hell gestrichenen Korridor frei. Der Hustinettenbär setzte sich in Bewegung, und Pedro und ich folgten ihm.

Der Korridor war ziemlich lang, und auf beiden Seiten gab es pastell-türkise Türen mit unregelmäßig angeordneten Zahlen. Ich überlegte gar nicht erst, was da für ein System hinterstecken könnte, wahrscheinlich gab es sowieso keins.

Plötzlich hielt der Hustinettenbär an, und ich wäre fast in ihn hineingelaufen. Er öffnete eine Tür (fantasievollerweise hatte sie die Nummer 666) und ging hinein. Wir befanden uns jetzt in einer Art Büro, in dem sich ein Schreibtisch befand, an dem ein ziemlich merkwürdiges Wesen saß. Grob betrachtet schien es ein Mensch zu sein, aber das war auch schon alles, was es mit einem Prachtexemplar dieser Gattung, zum Beispiel mir, gemeinsam hatte. Auf weitere Details möchte ich nicht eingehen; stellt euch einfach jemanden vor, der die Form von Rainer Calmund, das Gesicht von Daniel Küblböck, die Frisur von Bill Kaulitz und den Gesichtsausdruck von Rudolf Scharping hat, diese Kombination dürfte ziemlich genau das verkörpern, was ich vor mir sah.

Dieses Wesen, auf dessen Namensschild „Rediensch Ordep“ stand, kam auf uns zugehumpelt und meinte mit einer quäkigen Stimme, wir müssten unsere Papiere vorlegen. Ich hatte mein Portemonnaie nicht dabei, doch als ich das sagte, lachte Rediensch nur.

„Johr eidi wonnt ei not tu sii, ju kenn mi simpli e pies of päiper schou, ent sätt ritsches ollreddi.“

Nachdem ich diese Botschaft einigermaßen entschlüsselt hatte, nahm ich meine Schultasche, die ich immer noch umhatte, und riss aus meinem Karoblock ein Blatt hinaus, das ich Rediensch gab. Er beäugte es kritisch und sagte dann etwas, was ich zwecks Verständnis der Leser am besten übersetze.

„Hmm, Karogröße fünf mal fünf Millimeter, Format DIN A4, also etwa zwanzig mal dreißig Zentimeter, vierfach gelocht mit gleichbleibendem Abstand, also geeignet für Aktenordner jedweder Art, ursprünglich befindlich auf einem Karoblock mit achtzig Blättern von einer sehr bekannten Discounterkette... ja, scheint alles in Ordnung zu sein. Sie können passieren!“

Ich wollte an ihm vorbeigehen, da hielt mich der Hustinettenbär zurück.

„Du bist nicht gemeint, Steffan! Rediensch redet von den Tomatenstampfern! Sie müssen das Blatt zerstören, um Datenschutzverletzungen zu vermeiden.“

Verwundert sah ich mich um und bemerkte zwei kräftig gebaute Männer mit ebenso kräftigen Kartoffelstampfern, die das Blatt nahmen und es bearbeiteten, bis nur noch kleine Fetzen davon übrig waren. Dann verschwanden sie wieder in dem Einbauschrank, aus dem sie gekommen waren.

„So, jetzt können Sie passieren, Herr Schulz! Ich entschuldige mich noch einmal für das Missverständnis, was es gerade gab. Viele Leute kennen unser System nicht, und ich habe keine Lust, es immer jedem vorher zu erklären. Ich...“

„Schon gut“, unterbrach ihn der Hustinettenbär. „Komm, Steffan, wir gehen zum Parkplatz!“